Blogartikel

11.02.2026
Mann mit Rucksack wählt zwischen einem steinigen Weg zu Geld und einem ruhigen Landweg.
Rolf Christian Kassel
Business Angel und Mitgründer der Valuedfriends AG

Warum nicht jedes Startup ein Risikokapital-Modell braucht – und warum das eine gute Nachricht ist

In der heutigen Startup-Welt scheint vieles von einer einzigen Frage dominiert zu werden: Wie viel Kapital habt ihr eingesammelt? Finanzierungsrunden werden gefeiert wie sportliche Rekorde, Bewertungen wie Trophäen präsentiert. Für viele Gründerinnen und Gründer entsteht so der Eindruck, Risikokapital sei der einzig wahre Weg, um ein Unternehmen aufzubauen – oder überhaupt ernst genommen zu werden. Doch dieses Bild greift zu kurz.
Denn Risikokapital folgt einer Logik, die nur für einen bestimmten Typ von Unternehmen geeignet ist. Und das ist nicht nur völlig in Ordnung – es ist für viele Startups sogar ein Vorteil.

Die Logik von Risikokapital – und warum sie so eng ist
Venture-Capital-Fonds haben einen klaren Auftrag: innerhalb weniger Jahre sehr hohe Renditen zu erzielen. Das bedeutet:
  • Sie müssen auf Geschäftsmodelle setzen, die extrem schnell wachsen können.
  • Sie brauchen die Aussicht auf außergewöhnlich hohe Wertsteigerungen.
  • Sie priorisieren Skalierung über alles andere.
Doch viele junge Unternehmen arbeiten in Märkten, die organisch wachsen, in denen echte Produktionskosten anfallen oder in denen Kundenbeziehungen Zeit brauchen, um sich zu entwickeln. Diese Unternehmen können wirtschaftlich hochattraktiv sein – nur eben nicht in dem Tempo und der Dramaturgie, die ein Fonds voraussetzt.
Dass sie nicht ins VC-Raster passen, sagt nichts – rein gar nichts – über ihre Qualität oder Zukunftsfähigkeit aus.
Langsam, stabil, erfolgreich: Die unterschätzte Stärke nachhaltiger Geschäftsmodelle
Zahlreiche erfolgreiche Unternehmen hätten in ihren frühen Phasen niemals VC aufnehmen können – und wären damit auch nicht gut gefahren. Warum?
  • Sie benötigen Zeit, ihr Produkt zu verfeinern.
  • Sie müssen ihre Zielgruppe tief verstehen.
  • Sie wollen einen stabilen Cashflow aufbauen, bevor sie wachsen.
Unternehmen dieser Art haben oft besondere Stärken: Sie sind widerstandsfähiger bei Marktschwankungen, können bewusster entscheiden und bauen Strukturen auf, die langfristig tragen. Sie behalten zudem die volle Kontrolle über ihre Vision – etwas, das viele Gründerinnen und Gründer sehr schätzen.
Aus Sicht eines Fonds mögen solche Modelle weniger attraktiv sein – aus Sicht eines Gründungsteams sind sie oft die gesündere und erfüllendere Wahl.
Die persönliche Dimension: Unternehmertum ist kein Sprint
Wer Risikokapital aufnimmt, entscheidet sich nicht nur für Geld, sondern für einen bestimmten Lebensstil:
  • hohes Tempo
  • permanentes Reporting
  • Erwartungsdruck
  • Fundraising als Dauerzustand
  • Meilensteine, Meilensteine, Meilensteine
Dieser Weg kann spannend sein – aber er passt nicht zu jeder Persönlichkeit.
Viele Gründerinnen und Gründer wollen ein Unternehmen, das ihnen ein hohes Maß an Selbstbestimmtheit lässt. Sie möchten Entscheidungen in Ruhe treffen, auf Qualität statt Geschwindigkeit setzen und ein Geschäftsmodell entwickeln, das ihnen gehört. Für sie ist ein profitables, unabhängiges Unternehmen oft die viel bessere Option als ein extern getriebener Expansionspfad.
Warum viele Startups nicht wegen des Produkts scheitern – sondern wegen der Taktung
Analysen zeigen: Startups scheitern selten an schlechten Produkten. Viel häufiger scheitern sie daran, dsss der Markt noch nicht reif ist oder die Nachfrage nicht nachhaltig aufgebaut wurde.
Die Gründe sind immer wieder die gleichen:
  • zu wenig Sichtbarkeit
  • unklare Positionierung
  • fehlende narrative Stärke
  • überhastete Kundengewinnung unter Wachstumsdruck
All diese Themen brauchen Zeit, Experimente und Marktbeobachtung. Doch genau diese Zeit bietet ein VC-getriebenes Modell oft nicht.
Wenn kein VC passt – steckt oft eine besondere Stärke dahinter
Dass ein Startup kein Risikokapital-Modell ist, kann vieles bedeuten:
  • Der Markt ist kleiner, aber hochprofitabel.
  • Das Team arbeitet lieber präzise statt explosiv.
  • Das Produkt braucht Reife – nicht Geschwindigkeit.
  • Die Gründerinnen und Gründer wollen Freiheit, nicht Fremdsteuerung.
In einer Zeit, in der „Bigger, Faster, Louder“ oft als einziges Erfolgsrezept verkauft wird, lohnt es sich daran zu erinnern:
Es gibt viele Wege, ein großartiges Unternehmen zu bauen. Und nur einer davon heißt Risikokapital.